Wir sind das Problem (#Genderdebatte)

rhotep
19. Oktober 2011

Dies ist ein weiterer Beitrag zur #Genderdebatte. Aufhänger ist ein Barcamp auf der #om11 zu selbigem Thema. Am Samstagmorgen wurden die möglichen Barcamps vorgestellt und die Anwesenden hatten den Vormittag lang Zeit, ihr Interesse zu den vorgeschlagenen Themen zu bekunden. Das Genderthema hat erfreulich viele Piraten interessiert. Und am Ende haben sich über 20 30 Piraten im Barcampraum für eine Stunde zusammengesetzt.

Obwohl es außerordentlich erfreulich ist, daß die Piraten endlich anerkennen, daß sie ein Problem haben, und es obendrein noch geschafft haben sich in so großer Zahl dazu zusammenzusetzen ohne dabei laut zu werden, ist der Eindruck, den diese Zusammenkunft bei mir hinterlassen hat, frustrierend.

So muß es den etablierten Parteien gehen, wenn sie versuchen, das Internet zu verstehen. Die Probleme werden nicht richtig erkannt und der Hebel zur Lösung an der falschen Stelle angesetzt. Warnungen und Rat von außen werden so lange ignoriert, bis die Hütte brennt.

Die Diskussion wurde dominiert von ein paar wenigen Leuten; von den allermeisten Teilnehmenden des Barcamps gab es keine Beiträge. Obwohl es natürlich eine Redeliste gab, auf die sich alle hätten setzen lassen können -.-

Am Problem vorbei

In der Diskussion wird schnell klar, daß mittlerweile fast alle der Meinung sind, daß in Sachen Frauenanteil in der Partei etwas schiefläuft. Das Problem wird aber vor allem in den Listen der Piraten gesehen, auf denen viel zu wenige Frauen stehen – hier natürlich vor allem die Berliner Liste zur Abgeordnetenhauswahl. Mal werden Listen mit so geringem Frauenanteil wegen ihrer fatalen Außenwirkung problematisiert, ein andermal weil Frauen durch sie nicht angemessen repräsentiert werden. Es besteht weitgehend Einigkeit darüber, daß das Problem nicht mit einer Quote angegangen werden soll. Man will "authentisch" bleiben und die Liste nur mit Mitteln "bunter" machen, die zur Herangehensweise der Partei passen. Ein geeignetes Mittel sei natürlich die Anzahl der weiblichen Mitglieder zu erhöhen, aber auch hier selbstverständlich nicht als kosmetische Maßnahme und nur wenn man dabei authentisch bleibt.

Leider geht so eine Diskussion am Problem vorbei: Ein auffällig geringer Anteil von Frauen (wo auch immer) ist nicht das eigentliche Problem – wohl aber eine Warnleuchte, ein Notsignal oder eine Alarmsirene, und vor allem ein Symptom! Vgl. "Im Internet werden künstlerische Werke raubmordkopiert" vs. "Mit dem Urheberrecht stimmt was nicht".

Das Problem ist, daß bei uns Ausschlußmechanismen wirken, derer wir uns nicht bewußt sind, die wir nicht reflektieren und erst recht nicht bekämpfen. Ausschlußmechanismen, die speziell bei uns wirken, solche, die auch in anderen Parteien wirken und auch solche, die allgemein in unserer Gesellschaft wirken.

Und wir sind diejenigen, die sich an ihnen beteiligen, diejenigen die sie betätigen, und wir sind diejenigen, die sie aufrechterhalten. Kurz: Der eine mehr, der andere weniger, bewußt oder unbewußt.

Wir sind das Problem – jeder Einzelne von uns.

Falscher Adressat

Es mangelt also noch immer am Eingeständnis der eigenen persönlichen Mitverantwortung. Da wundert es nicht, daß sich für Lösungen des Problems gerne an die Gruppen gewendet wird: "Was können die Piraten tun?", "Was kann die Partei tun?", "Was kann die Gesellschaft tun?" oder schlicht: "Was können wir tun?".

Die Frage, die mir aber dabei fehlt, ist: "Was kann ich tun?".

Es gab allerdings Ausnahmen, die auf der Session z.B. ihr Redeverhalten auf Veranstaltungen kritisch reflektierten.Diese Frage scheint sich kaum jemand so richtig stellen zu wollen. Doch die Ausschlußmechnismen, die in der Partei wirken, wirken nicht von allein. Sie wirken, weil wir sie betätigen und wir sie aufrechterhalten. Und das tut jeder von uns – der eine mehr, der andere weniger. Damit sich hier etwas ändert, muß sich jeder von uns fragen "Was kann ich tun?" und wenn er keine Antwort findet, dann frage er seine_n Nächste_n – oder das Internet, oder all die Feminist_innen, auf die so allergisch reagiert wurde. Diese Mechanismen bedienen wir natürlich nicht nur innerhalb der Partei.Und wenn man dann eine Antwort bekommt, dann gilt es zuzuhören.

Wir sind das Problem und wir müssen uns ändern. Denn wenn wir etwas ändern wollen, dann müssen wir bei uns selbst anfangen – jede_r von uns.

Kommentare

Julia Schramm sagt:

Sehr wahr. Aber wieso hast du das nicht im Workshop gesagt? :) Das wäre toll gewesen – weil man die Leute, die es oft nicht mal merken, dass sie ausschließen, das gesagt bekommen müssen. Ins Gesicht. Ich weiß, ist viel verlangt, aber eine wichtige aufgabe für alle :)

ich schäme mich auch, weil ich das nicht so gut leiten konnte, wie das nötig gewesen wäre.

Und an den Rest – nicht vergessen: Wir können nur uns selbst ändern, nicht die anderen :)

Jens sagt:

Man darf aber sein eigenes Verhalten auch kritisch reflektieren, ohne auf einem Barcamp “mea maxima culpa” zu sagen, ja?

Ich möchte eine ganz subjektive Sicht der Dinge beschreiben, die ich heute Morgen schon auf der Baden-Württemberg-ML eingestellt habe (ohne große Resonanz übrigens):

=====

Ich habe mich zum Beispiel unlängst mit einer Freundin über die Frauenquote gestritten. Sie ist absolute Verfechterin der Quote in der Wirtschaft, denn ihrer Meinung nach gibt es Männerzirkel, die Frauen nicht nach oben lassen, es gibt Personalchefs, die Frauen aus der Sorge heraus nicht einstellen, dass sie schwanger werden und dann eine ganze Zeit lang ausfallen könnten usw. Es gebe – allgemein gesprochen – eben Sexismus gegenüber Frauen am Arbeitsplatz.

Mein Problem ist, dass das überhaupt nicht meiner Lebenswirklichkeit entspricht. Ich habe zeitlebens (!) nur einen Fall von offenem Sexismus erlebt, das war – ausgerechnet! – im Informatikunterricht, aus dem der
Lehrer seinerzeit (1985!) möglichst alle Frauen rausekeln wollte.

Darüber hinaus sehe ich Sexismus nicht – und bin deswegen auch nicht sensibilisiert dafür. Wenn ich das Gefühl habe, dass viele Piraten (mich eingeschlossen) die Gender- und Quotendebatte als von außen aufgedrängt betrachten, dann liegt das offenbar an dieser nicht vorhandenen Sensibilisierung.

Das heißt nicht, dass es das Problem nicht vielleicht gibt, aber die übergroße Mehrheit erkennt es schlichtweg nicht. Und deswegen verstehen wir auch nicht, warum uns viele Quotenverfechter vorwerfen, wir seien unsensibel. Weil wir diesbezüglich unsensibel sind! Katze, Schwanz und so.

Nun ist es leider so, dass viele Externe, die sich mit dem Problem auseinandergesetzt haben, uns pauschal vorwerfen, wir seien frauenfeindlich. Es gab viel Bashing gerade aus der feministischen Ecke, weil das Problem aus deren Sicht – und mit deren Background – scheinbar so überaus offensichtlich ist. Für mich ist es eben genau das nicht. (Einschub: Hier hat Rhotep mit dem Vergleich mit den etablierten Parteien und dem Internet offenbar durchaus recht.)

Und deswegen brauchen wir Frauen, die uns sagen, was ihnen nicht passt. Oder besser formuliert: Warum die Piratenpartei für sie unattraktiv ist bzw. wie sie attraktiver werden könnte. Dabei geht es mir nicht um die
Quote – ich halte sie für ein ungeeignetes Mittel, uns für Frauen attraktiv zu machen -, sondern vielmehr darum, dass mehr Frauen bei uns (der Mitmachpartei) mitmachen.

Liebe Frauen: Wir sind die mit den Fragen. Eure Piraten

===

Wie man sieht, richtet sich der Text eigentlich an Frauen außerhalb der Partei. Aber natürlich sind auch alle Piraten – Männlein wie Weiblein – aufgefordert, ihn zu kommentieren.

Sylvi sagt:

Ok,

und was kann ich nun tun? Niemand scheint auch nur einen sinnvollen Vorschlag zu haben, was irgendwer tun könnte. Dann les ich nur von Nusskuchen und Ähnlichem.

Alles schön und gut, aber ich find’s ja schon ein wenig bezeichnend, wenn es so gut wie keine Verbesserungsvorschläge gibt.

nutellaberliner sagt:

Ich bin recht neu bei den Piraten und sehe vor allem das Symptom: es sind nicht allzu viele Frauen dabei, jedenfalls deutlich weniger als 50%.
Ob das auf bewusster oder unbewusster Diskriminierung beruht, kann ich nicht beurteilen. Nach meinen Eindrücken wird eigentlich niemand diskriminiert, außer vielleicht Trolle, das hat aber nix mit Gender zu tun.
Es wäre ja vielleicht interessant gewesen, hier zu lesen, worin denn die Diskriminierung von Frauen liegen soll, wenn man schon festellt, dass
1. Ausschlussmechanismen wirken
2. diese unbewusst wirken und
3. deshalb von den unbewusst Ausschließenden nicht bemerkt werden.
Ohne die Ausschlussmechanismen überhaupt zu benennen, bleibt deren Existenz nämlich eine bloße Hypothese, gestützt auf das Phänomen “geringe Anzahl von Frauen”. Von einem Phänomen kann man aber nur höchst selten auf eine Kausalität schließen.

arte povera sagt:

@Kommentierende

Wir (andere Piraten und ich) arbeiten gerade an einer Umfrage für Mitglieder und Nichtmitglieder, die hoffentlich Antworten auf die Fragen gibt, wo denn nun Ausschlussmechanismen konkret wirken. Gebt uns noch etwas Zeit und macht dann fleißig mit :).

TJ sagt:

Nachdem ich quasi ständig mit @mueslikind über dieses Thema und seine verschiedenen Ausprägungen diskutiere möcht ich insbesondere an die *Silvy* gerichtet, die hier ein paar kommentare vor mir schrieb, das keine Lösungsansätze aufzeigt auf ihren artikel verweisen:

http://mueslikind.de/?p=151

viele grüße aus Augsburg

TJ

Holger sagt:

1. Ich bin nicht persönlich verantwortlich. Mal abgesehen davon, dass es zu meiner Freiheit gehört auf welches Barcamp ich gehe und welches Thema ich mir anhöre. Wenn man etwas tun kann, dann sich gegen Unterstellungen in diesem Blog zu wehren ;)
2. Es waren mehr als 35 Personen im Zimmer.
3. Fand ich die Debatte sehr hilfreich.

Daniela sagt:

Hi,
ich brainstorme mal, woran Frauen vordergründig Interesse haben könnten, und was somit evtl. betont werden muss, damit sie in der Partei mehr von ihren Interessensgebieten wiederfinden:

Thema Beruf
- gleicher Lohn für gleiche Arbeit
- besserer Lohn für die derzeit schlecht bezahlten Arbeiten, in denen sich oft Frauen wiederfinden, da sie zu Fleißarbeiten neigen, statt zu Konkurenzkampf

Thema Kinder/Familie
- gute Betreuungsmöglichkeiten für Kinder (ausreichende und kostengünstige Kitaplätze, Hortplätze etc.)
- gute Versorgungsmöglichkeiten für Kinder (günstiges Mensaessen, Schulfrühstück…)
- Beschäftigungsmöglichkeiten für Kinder (sichere Spielplätze, kostengünstige Nachmittagsbeschäftigungsmöglichkeiten wie Zeichnen/Basteln, Musik etc., kostengünstige Ferienlager)
- sichere Fahrradwege für Kinder, keine Autos direkt vor der Schule
- mehr Beratungsstellen für kaputte Familien die wirkliche Unterstützung leisten und nicht noch die einzelnen Familienmitglieder unter Druck setzen (z.B. fällt mir der Fall ein, wo eine Frau nach der Geburt des dritten Kindes von ihrem Mann urplötzlich sitzen gelassen wurde da er eine andere hatte und ihm das mit den Kindern zu stressig wurde, Problem war nun die seelische Belastung und dann noch Versorgung aller drei Kinder, das Amt drohte dann damit, wenn bestimmte Auflagen nicht erfüllt werden, die Kinder wegzunehmen = zusätzlicher Stress statt Unterstützung; kann natürlich auch umgedreht passieren, dass die Frau den Mann stehen lässt, also es sollte halt für alle in schwierigen Situationen befindlichen Familienmitglieder/Menschen bessere Beratungsstellen und Hilfen geben)

Thema Schule/Kinder
- dass Kinder in der Schule nicht so gestresst werden, dass sie psychisch kaputt gehen (Kopfschmerzen, Bauchschmerzen, Druckgefühl, Stressgefühl, das Gefühl nicht gut genug zu sein und dass die Erwartungen zu hoch sind, das Gefühl nicht wahrgenommen zu werden und sich nicht einbringen zu können, keine Chance zu haben, Ärger mit Eltern wegen Noten, etc….)
- keine Abschiebung von schwierigen Kindern (z.B. mit Rechtschreibschwäche etc.) auf Sonderschulen
- keine Medikamentierung von Kindern, nur weil sie die Schule(ständig stillsitzen und leuten die vorne rumlabern zuhören, statt selbst etwas interessantes tun zu dürfen und dafür später gelobt und belohnt zu werden) nicht packen und einen natürlichen Bewegungsdrang haben

Thema Gewalt
- einsetzen für mehr und präventative Beratung + mehr flächendeckende Bekanntmachung von Anlaufstellen, falls Frauen Opfer von Gewalt wurden (auch für Männer sicher interessant, es gibt ja nicht nur weibliche Gewaltopfer)
- das Thema Vergewaltigung ist zwar echt heikel, aber ich kenn inzwischen erschreckend viele, denen das tatsächlich passiert ist, also an der Statistik scheint was dran zu sein, dass es sehr viele Frauen trifft, d.h. da mehr Beratungsstellen/Anlaufstellen/Unterstützungsstellen/Aufklärung/Präventationsmaßnahmen/Sensibilisierung
- Beratungsstellen was Frau bei sexueller Belästigung tun kann, z.B. bei Klaps auf den Po etc. von ‘Bekannten’, ‘Kollegen’ usw., konnte das schon beobachten und manche Frau traut sich anscheinend nicht, dagegen vorzugehen oder was zu sagen, da zu eingeschüchtert oder sie evtl. nicht weiß wie sie mit der Situation richtig umgeht
- Warnstellen was untergeschobene Drogen (z.B. ins Glas gekippt) auf Partys angeht, mehr Aufklärung (Hinweise eigene Getränke immer im Auge zu behalten, von Fremden nix ausgeben zu lassen, wenn man nicht direkt bei der Bar sieht, dass nichts reingetan wurde)

So, das fiel mir jetzt spontan ein, ist bissel wirr jetzt, aber soll auch nur ein erstes Brainstorming sein, gibt sicher noch mehr Themenkomplexe, mit denen man zeigen kann, dass man auch für viele Aspekte, die für Frauen und ihren Lebens- und Familienalltag besonders interessant sind, eintritt. Also auch Themen betonen, mit denen Frau direkt konfrontiert ist. Es gibt eben doch bestimmte Interessensunterschiede zwischen den Geschlechtern, die teils durch Erziehung, teils durch Lebenswirklichkeit bedingt sind.

Mina sagt:

Zu 6.) “Leider geht so eine Diskussion am Problem vorbei: Ein auffällig geringer Anteil von Frauen (wo auch immer) ist nicht das eigentliche Problem – wohl aber eine Warnleuchte, ein Notsignal …, ein Symptom.”

Nun, einen auffällig geringen Anteil von Frauen gibt es z. B. beim aktiven Dienst der Müllabfuhr, aber worauf verweist dabei die “Warnleuchte”, was besagt dieses “Notsignal”?

Wofür ist das denn jetzt ein Symptom, ganz konkret?

Besagt das Notsignal “Wenig Frauen beim Kohleabbau” genau dasselbe wie das Notsignal “Wenig Frauen in der Mathematik”? Und wenn nicht, wieso nicht? Wo liegt denn da nun der Unterschied?

Oder das Notsignal “Fast keine Frauen beim Abendkurs im europäischen Arzneimittelrecht” trotz Kinderbetreuung, was besagt dieses Notsignal? Wofür steht dieses Symptom?

[...] weil’s so schön war vielleicht gleich noch ein Artikel der selben Autorin zur Art und Weise, wie wir Genderthematiken debattieren (oder eben auch nicht). Ein mit der [...]

Leave a Reply

*