Anderthalb Jahre nach meinem letzten Blogbeitrag zum Thema hat sich einiges geändert: Die Berliner Piratenpartei ist ins Abgeordnetenhaus eingezogen (mit einer Frau). Der Vorstand der Piratenpartei Deutschland hat davon immerhin zwei, seine bisherige Rekordquote. Mit anderen netten Piraten, Piratinnen und transsexuellen Eichhörnchen habe ich ein Geschlechter- und Familienpolitisches Programm geschrieben, das mit überwältigender Mehrheit angenommen wurde und die Partei geschlechterpolitisch denkbar progressiv verortet. In Berlin gibt es den Kegelklub, ein informelles Treffen für Menschen in der Piratenpartei, die sich manchmal oder immer ein bisschen oder sehr "weiblich" fühlen.
Nun haben wir mit Susanne nur eine Frau ins Abgeordnetenhaus geschickt. Und ernten erneut den alten Vorwurf: Mit euch und den Frauen, da stimmt doch was nicht! 99 von 100 Eichhörnchen verteidigen sich nun. Aber gegen was eigentlich? Klar ist: Eine Frau auf der Liste, wenig Frauen in der Partei - das sieht verdächtig aus. Solange der Verdacht aber nicht genau formuliert wird, verteidigen sich die Piraten an allen Fronten gleichzeitig und erklären z.B., dass sie niemanden diskriminierten. Das führt dann zu Tweets wie diesem: "Wofür genau war nochmal "Wir diskriminieren niemanden" ein Argument? Ich meine, das wär ja auch noch schöner. #Piraten #Nusskuchen". Die intelligenteren Vorwürfe zielen denn tatsächlich auch nicht darauf, dass in der Partei jemand diskriminiert würde, sondern auf geerbte und nicht reflektierte strukturelle Lasten.
Hier müsste jetzt eigentlich ein schöner Überleitungsabsatz stehen. Aber gerade fällt mir keiner ein.
Drei Arten von Chancengleichheit
Der vielleicht prominenteste Vertreter gleicher Chancen auf Positionen und Ämter ist John Rawls, dessen zweiter Grundsatz der Gerechtigkeit in „Justice as Fairness“ wie folgt lautet: „Social and economic inequalities are to be arranged so that they are both (...) attached to offices and positions open to all under conditions of fair equality of opportunity“[1] Was aber sind "conditions of fair equality of opportunity"?
Selbst der härteste FDPler wird noch einsehen, dass (1) die Posten (z.B. Listenplätze) als Ergebnis eines für alle zugänglichen Wettbewerbs mit für alle formal gleichen Bedingungen vergeben werden sollten. Rawls´ Voraussetzungen sind noch umfassender: Außerdem müssen (2) alle Menschen eine faire Möglichkeit gehabt haben, die Fähigkeiten zu erwerben, um den Wettbewerb zu gewinnen. Während das schlankere erste Kriterium (1) oft als „formale Chancengleichheit“ (FCG) bezeichnet wird, handelt es bei letzterem (2) um die sogenannte „substantielle Chancengleichheit“ (SCG).
In Sachen Gender&Netz spielte der Unterschied zwischen formaler und substantieller Chancengleichheit z.B. in der Debatte um Frauen im Informatikstudium eine Rolle. Da jedenfalls an die Uni alle Geschlechter dürfen, sind die Voraussetzungen für die formale Chancengleichheit erfüllt. Es ist hingegen unwahrscheinlich, dass substantielle Chancengleichheit herrscht: Solange Mädchen Barbiepuppen und Jungen Technikspielzeug geschenkt bekommen, haben Frauen nicht dieselben Möglichkeiten wie Männer, die technischen Fähigkeiten zu erwerben, die für ein erfolgreiches Studium notwendig sind. Zum Glück lässt sich das meiste nachlernen. Komplizierter wird es nun, wenn Frauen wenig Enthusiasmus zeigen, es nachzulernen - oder sogar unabhängig vom technischen Anspruch kein Interesse daran haben, Informatik zu studieren. Wenn die Ambitionen fehlen, ist doch niemand schuld, oder?
Analog lautet eine Verteidigungshaltung der Piraten derzeit: Viele Frauen in der Partei wollen nicht kandidieren, sondern arbeiten lieber programmatisch, sind Schatzmeisterin oder machen Pressearbeit. Und alle Frauen können bei uns eintreten und würden mit Kusshand empfangen. Sie wollen scheinbar nicht. Sollen wir sie jetzt etwa zwingen? Ihnen Vorwürfe machen?
Wir haben derzeit folgende Konzeptionen von Chancengleichheit im Rennen.
FCG: Posten und Ämter (bzw, Parteimitgliedschaften) werden als Ergebnis eines für alle zugänglichen Wettbewerbs (bzw. Prozesses) mit für alle gleichen formalen Bedingungen vergeben.
SCG: Personen mit denselben Begabungen und denselben Ambitionen haben dieselben Erfolgsaussichten auf die Posten und Ämter (bzw. Parteimitgliedschaft).
Hinsichtlich beider Konzeptionen von Chancengleichheit schneidet die Piratenpartei meines Erachtens ausgezeichnet ab: Es gibt keine Frauen formal diskriminierenden Regeln ("Frauen sind per Satzung von Kandidatur oder Mitgliedschaft ausgeschlossen" - nagut, wie Antje sagt: das ist noch nichts, worauf man stolz sein könnte) und ich habe wirklich nicht den Eindruck, dass Frauen bei Kandidatur (oder Interesse an einer Mitgliedschaft) geringere Erfolgsaussichten hätten, weil man ihnen z.B. den Job aufgrund ihres Geschlechts nicht zutraute. Auch wenn Spiegel Online bzgl. Kandidaturen derzeit anderes behauptet: Da liegt er m.E. falsch. Im Gegenteil: Auch wenn der sich als "post-gender" bezeichnende und an "Kompetenz statt Quote" festklammernde Pirat es nie öffentlich zugeben würde: Wenig Frauen auf der Liste und im Vorstand sind ihm, so mein Eindruck, schon eher peinlich, und wenn endlich einmal eine Frau antritt, wählt er sie sogar ganz besonders begeistert, sofern es nicht sehr wichtige in ihrer Person liegende Gründe dagegen gibt.
Alles in Butter also? Naja: Diesen Chancengleichheitskonzeptionen gehen ausgerechnet die Fälle durch die Lappen, die in Debatten um Geschlechtergerechtigkeit heutzutage am wichtigsten sind: Soziale Prozesse, die individuelle Ziele und Entscheidungen formen. „The operation of such processes can be subversive“, so die Psycholog_innen Banaji, Nosek und Greenwald. „They appear to reflect a free and individually determined choice when in fact they reflect group membership, the strength of identity with the group, and beliefs about the capability of the group.“ Genau das könnte vielleicht (ich weiß es nicht und maße mir kein Urteil an) der Fall sein, wenn "die Frauen halt einfach nicht eintreten" oder "halt einfach nicht kandidieren und lieber im Hintergrund arbeiten wollen".
Nennen wir die erweiterte Chancengleichheitskonzeption, die auch diese Fälle berücksichtigt, im Folgenden Substantielle Chancengleichheit mit Eichhörnchen (SCGmE):
SCGmE: Haben zwei Personen dieselben Begabungen, eine von beiden aber geringere Chancen auf einem Amt oder Posten zu landen oder Parteimitglied zu werden, da ihre Ambitionen durch Vorurteile oder diskriminierende Sozialisation reduziert wurden, so herrscht keine Chancengleichheit. (Chancen dürfen hier nicht erst ab der Kandidatur oder dem ausgefüllten Mitgliedsantrag gerechnet werden, da die Möglichkeit mit einberechnet werden muss, dass es gar nicht erst so weit kommt.)
Da der kritische Punkt hier die Vorurteile und die diskriminerende Sozialisation ("lass mal mein Junge, Puppen sind nix für dich") sind, hängt, ob Chancengleichheit herrscht oder nicht, davon ab, über welche Begabungen und Ambitionen Männer und Frauen „von Natur aus“ verfügen. Das erklärt die Bedeutung der mit viel Leidenschaft ausgetragenen „Nature vs. Nurture“ Debatte um Geschlecht. Den Piraten ist hier positiv anzurechnen, dass "Frauen sind halt von Natur aus nicht an Positionen interessiert / nicht politisch interessiert / nicht parteipolitisch interessiert" m.E. jedenfalls seltener zu hören ist als beim gesellschaftlichen Durchschnitt und wir ein wunderbar progressives Parteiprogramm haben, das hierzu klarstellt: "Gesellschaftsstrukturen, die sich aus Geschlechterrollenbildern ergeben, werden dem Individuum nicht gerecht und müssen überwunden werden." Damit haben wir nun aber auch einen Handlungsauftrag: Wenn (wie ich annehme) Menschen mit XX-Chromosom nicht von Natur aus keinen Bock haben, Piraten(vorstand) zu werden, dann ist unsere Partei derzeit wohl wenig kompatibel mit klassisch weiblicher Sozialisation. Wenn es eine solche - wie wir das gerne hätten - gar nicht mehr gäbe und Mädchen einfach genauso angeregt würden, mit Technik zu spielen, repräsentative Funktionen zu übernehmen und einen Shitstorm durchzuhalten, hätten wir das Problem natürlich nicht. Nun haben wir`s aber, und unser Parteiprogramm sagt: Wenig Frauen in der Partei sind eine Gesellschaftsstruktur, die sich aus Geschlechterrollenbildern ergibt, und das müsst ihr überwinden, das habt ihr in Chemnitz beschlossen. Da hilft es auch nicht, wenn wir daran nicht schuld sind – wir lassen ja auch keinen Piraten im Rollstuhl unten an der Treppe zum Parteitag stehen, nur weil wir an seiner körperlichen Beeinträchtigung nicht schuld sind.
Ich bin eine der Frauen, die sich dafür entschieden hat, nicht für die Liste für das Abgeordnetenhaus zu kandidieren. Ich habe darüber nachgedacht, Vorteile gegen Nachteile abgewogen und es dann unterlassen. Bin ich sicher, dass ich die selbe Entscheidung getroffen hätte, wäre ich als Mann sozialisiert worden? Ich weiß es nicht. Banaji, Greenwald und Nosek stellten mittels mehrerer aufeinander aufbauender Studien [2] fest, dass Frauen Mathematik um so negativer gegenüberstanden, sich um so weniger selbst als mathematische Person bezeichneten und um so schlechter in Mathematiktests abschnitten, je stärker sie Mathematik unbewusst mit Männlichkeit verknüpften und je stärker sie sich selbst als Frauen identifizierten. Umgekehrt schnitten Männer um so besser ab, mochten Mathematik um so lieber und bezeichneten sich um so öfter als mathematische Person, je stärker das Stereotyp unbewusst in ihnen verankert war und je stärker sie sich als Männer identifizierten. Interessant ist: Bei den Teilnehmenden dieser Studien handelte es sich ausschließlich um Personen, die von sich selbst behaupteten, keine bewussten Überzeugungen der Art zu besitzen, also keinesfalls der Meinung zu sein, dass "Mathe nix für Mädchen" sei. Die Stereotype konnten ihnen über einen Verknüpfungstest ausschließlich als unbewusste Annahmen nachgewiesen wurden. Es sind nicht die einzigen Studien ihrer Art, das voneinander unabhängige Funktionieren von bewussten und unbewussten Stereotypen ist vielfach gezeigt worden. Während bewusste Vorurteile vermutlich frühzeitig durch den Willen, Menschen nicht zu stereotypisieren, beeinflusst werden, unterliegen implizite Stereotype nicht oder kaum diesem Einfluss. „Consequently, a stereotype may be maintained outside conscious awareness although it is neither wanted nor endorsed consciously, yet still influence both consciously and unconsciously held attitudes (...) Women (and men) need not endorse gender stereotypes consciously for these stereotypes to have a mental existence and to influence behavior.“ (S.55 ff) Die Psycholog_innen schlussfolgern, dass gesellschaftlich verankerte Negativbeziehungen zwischen wissenschaftlichen, politischen, sozialen oder beruflichen Feldern und einer Kategorie dazu führen, dass Personen, die sich mit der Gruppe identifizierten, größere innerliche Hürden zu überwinden hätten, bevor sich sich dem Gebiet zuwendeten – auch dann, wenn ihnen dies nicht bewusst sei. „A widespread belief in American culture suggests that group membership should not constrain the choices and preferences of group members. Being a girl need not prevent one from becoming a police officer, senator, or mathematician. Being a boy need not prevent one from becoming a nurse, kindergarten teacher, or primary caregiver. In fact, all programs promoting equal opportunity seek the removal of external constraints for individual pursuits. Yet until the internal, mental constraints that link group identity with preference are removed, the patterns of self-imposed segregation may not change. (S.50)“
Der Vorwurf lautet also nicht: Ihr diskriminiert Frauen. Sondern: Ich macht euch nicht die Mühe, zu analysieren, ob es gesellschaftlich verankerte Negativbeziehungen zwischen der Kategorie "Frau sein" und dem Zeug, was ihr da in eurer Partei betreibt, gibt.
Was machen wir jetzt damit?
Ich sehe zwei Möglichkeiten: Wir warten, bis sich das Problem von selbst löst, weil wir in einer Gesellschaft angekommen sind, die Kinder nicht mehr in zwei Kategorien einteilt und damit nicht einen Teil der Gesellschaft "piratenparteiferner" sozialisiert. Das ist bequem, dürfte aber mindestens noch ein paarhundert Jahre dauern.
Alternativ versuchen wir herauszufinden, wo weibliche Sozialisation und piratige Parteipolitik nicht gut zueinanderpassen, und hier Abhilfe zu schaffen: Indem wir erstens die Partei entsprechend offener gestalten, aber indem wir zweitens auch Frauen ermutigen, sich selbst in den Hintern zu treten und auch mal Sachen auszuprobieren, die man ihnen nicht schon als kleine Mädchen beigebracht hat. Dieses Vorgehen ist gefährlich, denn das Wort "Sozialisation" fällt dabei schnell unter den Tisch und plötzlich verbreitet man versehentlich Biologismen: Wer eigentlich sagen wollte, dass eine Shitstormkultur vielleicht als Frau sozialisierte Menschen härter trifft, weil diese dazu erzogen wurden, lieb und nett zu sein und gefallen zu wollen, wird missverstanden als "Mädchen haut man nicht, die sind von Natur aus so verletzlich". Wer sagt, dass als Frau sozialisierte Menschen vielleicht größere Probleme mit der Technik in der Partei haben, wird missverstanden als "Frauen haben halt kein technisches Talent" und unsere weiblichen Nerds sind (so verstanden zu Recht) beleidigt. Und schnell vergisst man auch, dass auch nicht jeder Mann zum Alphamännchen und Techniknerd ausgebildet wurde (einer der Nachteile an Quoten ist demnach auch: Schüchterne Männer haben immer noch das Nachsehen, dominante Frauen kriegen einen Platz, den sie vielleicht eh bekommen hätten, an der eigentlich problematischen Tatsache, dass Politik ein Hauen und Stechen um die Plätze an der Macht ist und nur die Harten in den Garten kommen, ändert sich nichts). Trotz dieser Gefahren sehe ich eigentlich nur hier eine Chance für uns.
Vielleicht sollten wir eine Umfrage machen? Hallo als-Frau-sozialisierte-Menschen in Deutschland, was hält euch davon ab, bei uns mitzumachen? Hallo selbige in der Partei, was hält euch davon ab, zu kandideren, warum arbeitet ihr lieber Backstage? Könnte uns das vielleicht weiterbringen? Und ja: Ich hätte diesen Artikel auch lieber mit einem präziseren Lösungsvorschlag abgeschlossen. Aber ich habe keinen.
[1] John Rawls (1971), A Theory of Justice, Harvard University Press, S.302
[2] Mahzarin R. Banaji, Anthony G. Greenwald und Brian A. Nosek (2002): Math = Male, Me = Female, Therefore Math =/= Me, in: Journal of Personality and Social Psychology, Vol. 83, No. 1, S. 44–59
Arbeite an der nächsten Generation indem ich meinen Nichten all das Technikspielzeug schenke, dass ich selbst nicht bekommen habe :)
Ich bin zwar (noch) kein Pirateneichhörnchen aber was ist eigentlich, wenn ich als definitiv genderneutral (mit Puppen UND Lego UND Technikbaukasten) sozialisierte, nerd- und technikaffine XX-Chromosomenträgerin trotzdem nur Bock auf Basisarbeit ohne Karriereleiter hätte? Hebel ich damit jetzt alle Theorien aus? ;)
@Donaupiratin
Yay! Mir fehlt dazu leider noch eine Nichte. ;)
@Helianthusiasm
Man müsste mit uns mal solche Verknüpfungstests machen wie in der zitierten Studie… Ich glaube schon, dass auch wenn deine Eltern sich noch so viel Mühe gegeben haben, man dieser Gesellschaft nicht ganz entkommen kann und “Karriereleiter” gesellschaftlich halt stärker mit Männlichkeit als Weiblichkeit verknüpft ist. Studien wie die obige zeigen, dass du nicht immer unterscheiden kannst, welche Ursachen deine Entscheidung hat und ob du “Mathe halt einfach nicht magst” oder unbewusst doch glaubst, dass du da als Frau einfach nicht hingehörst.
Aber angenommen, nix davon träfe auf dich zu: Dann hast du halt Glück gehabt und willst einfach nicht. Das ist dann natürlich völlig okay :).
DANKE! Freue mich sehr, dass du ähnlich denkst wie ich und einiges noch besser begründen konntest!
Die Idee mit der Umfrage hatte ich auch schon. Und spontan kommt mir grad die Idee: Warum nicht mal gezielt einen Flyer für nicht Nerds machen? “Piratenpartei verstehen für normale Menschen” oder so?
Ich werde auf jeden Fall an dem Thema dranbleiben und in den nächsten Wochen noch darüber bloggen, warum so wenige Frauen mitmachen (deine wissenschaftlichen Ausführungen etwas mit Beispielen ausschmücken) und was wir machen können.
“Mit euch und den Frauen, da stimmt doch was nicht! 99 von 100 Eichhörnchen verteidigen sich nun.”
Das scheint mir ein zentrales Problem zu sein. Auf Kritik reagieren viele Piraten (nicht nur in Sachen Gender), indem sie sich verteidigen! Leider ist dann häufig auch noch Angriff die beste Verteidigung :(
Ich würde mir wünschen, daß auf Kritik nicht defensiv und schon gar nicht aggressiv reagiert wird, sondern offen und neugierig.
Dann wären wir schon ein ganzes Stück weiter :)
(Der Beitrag hat natürlich meine volle Zustimmung – yay :) )
Danke für diesen Artikel, der mir den Stand der Diskussion gut zusammenzufassen scheint und mir geholfen hat, meine Gedanken dazu noch mal zu ordnen!
Man darf natürlich bei aller berechtigten Kritik an geschlechterstereotyper Sozialisation nicht leugnen, dass es tatsächlich Korrelationen zwischen biologischem Geschlecht und bestimmten Wesenszügen gibt. Ich denke daher, wie hier ja auch schon angeklungen ist, dass wir weniger vor der Aufgabe stehen, die Sozialisation zu reparieren, bis Männer und Frauen die gleichen Voraussetzungen haben, sich in der bestehenden Gesellschaft zu behaupten, sondern die Umgangsformen der Gesellschaft so anzupassen, dass der Weg zur politischen und sonstigen Mitgestaltung für „typische“ Frauen und „schüchterne“ Männer barrierefreier ist.
Zum Thema in Abschnitt 11 gibt es sogar ein wenig Zahlenmaterial:
http://wiki.piratenpartei.de/Frauen_im_Vorstand
Das deutet in etwa auf das Gegenteil dessen hin, was der Spiegel behauptet und stützt eher die hier formulierte Vermutung.
Wo es leider kein Zahlenmaterial gibt, ist bei der Frage wieviele Männer eigentlich nicht kandidieren, weil sie lieber im Hintergrund mitarbeiten. Es ist ja nun auch nicht so, dass die Männer auf den Parteitagen bei Vorstandswahlen geschlossen zur Kandidatur antreten würden. Ich frage mich ja, ob diese Quote sich überhaupt signifikant von den Frauen unterscheidet, oder ob das bei den Frauen nur stärker wirkt, weil der allgemeine Anteil an Frauen geringer ist. Vielleicht neigen Frauen eher dazu das Rampenlicht zu scheuen, aber so 100% sicher bin ich mir da bei uns nicht, bzw. wie stark der Unterschied überhaupt ist (sofern vorhanden), würde mich auch mal interessieren.
Habe jetzt schon mehrere sehr reflektierte Artikel von (überwiegend weiblichen) Mitgliedern der Piratenpartei zur Genderproblematik gelesen – deiner ist auch wieder einer davon. Wobei, ehrlich gesagt: so überzeugend die Ausführung zu unbewussten und dennoch wirksamen Stereotypen sind, die Schlussfolgerung, dass von diesen Stereotypen betroffene Frauen genauso wenig für sie verantwortlich sind wie ein Rollstuhlfahrer dafür, dass er nicht die Treppe hinauf kann, fand ich doch problematisch. Erst bei der Aufforderung an die Piraten, Frauen zu ermutigen, sich selbst in den Hintern zu treten und Dinge auszuprobieren, die sie als kleine Mädchen nicht gelernt haben, atmete ich wieder auf.
Manchmal fürchte ich, dass dieses “sich selbst in den Hintern treten und nicht weiblich konnotierte Tätigkeiten ausüben” in den letzten Jahren aus der Mode gekommen ist – falls es je in Mode war.
Unter deinem letzten Artikel zum Thema hab ich noch viel genörgelt, jetzt kann ich nur sagen: Danke. Viel Pirat_innen-kompatibler lässt sich das nicht darlegen :)
Eine Umfrage wäre sehr spannend.
danke für den beitrag. auch wenn der schluss nicht so präzise ist wie von dir gewünscht ist, hilft er durchaus weiter.
Lesenswerter Text, der die Debatte auf ein angemessenes Niveau hebt. Wäre schön, wenn dieses Niveau in allen Parteien nicht nur am Rande erreicht würde, sondern im Zentrum der Organisationen ankäme. Die Analyse der eigenen Strukturen, Debattenkultur usw. auf die Frage, wie sie sich auf Teilhabe von nicht geschlechtsneutral sozialisierten Menschen (also uns allen!) auswirkt. Dass in der Berücksichtigung dieser Problemlage auch immer die Gefahr steckt, wider Willen die Stereotype zu festigen, statt sie aufzulösen, ist klar. Eine Gratwanderung, aber eine unvermeidliche. Denn die Geschlechterfrage zu ignorieren, weil formale “Gleichheit” herrscht, ist schlicht dumm und realitätsfern.
Lesenswert alleman.
Wenn auch etwas verklausuliet, finde ich.
Eien Umfrage wäre in der Tat spannend: Menschen fragen, warum sie eigentlich nicht bei den Piraten sind.
Eventuell käme dabei auch heraus, was Frauen glauben, warum sie nicht dabei sind.
WOhlgemerkt: glauben, warum. Denn wir machen uns alle ständig selbst etwas vor, schon als Teil der üblichen Komplexitätsreduktion.
Die von Dir beobachtete Tatsache, dass sich Pirat immer wieder verteidigt, wenn auf “Gender” angesprochen, zeigt eins: man glaumt, sich verteidigen zu müssen. Fühlt sich also angegriffen.
Das ist fast schon ein Schuldeingeständnis.
Aber haben sich die Piraten etwas vorzuwerfen?
In der Tat leider ja: das ist eine Partei, die einfache dem Nerdtum noch nicht entschieden genug entgegentritt.
Noch immer erlaubt sie, dass in Verfahren (ob nun computerimplementiert oder als Satzung oder GO niedergelegter Algorithmus) die Lösung liegt.
Statt die eigene Emotion anzuerkennen.
Ich fühle, die Piraten grenzen Frauen in der Tat aus, einfach durch die Verleugnung der emotionalen Intelligenz und die überall spürbare Suche nach dem deus ex machina.
Ob nun die Neigung, auf die eigenen Gefühle zu hören, bei Frauen stärker ausgeprägt ist als bei Männern eine Folge von Sozialisierung oder irgendwie angeboren ist – ich weiss es nicht, ist aber auch komplett egal: wenn meine eben so provokativ dargestellte These zuträfe (Frauen hören eher auf Gefühle als Männer) dann wird jedes gefühlsverleugnende Organisationskonstrukt Frauen abstossen.
Bei AG-Vorständen hülfe dann in der Tat eine Quote, dieser Abstossung etwas entgegenzusetzen.
In einer Partei?
Einer liberalen “jeder wie er mag” Partei?
Ich bleibe aktuell dabei: Piraten dürfen sich auf “jeder wie er mag” und “warum sie/er das so mag und nicht anders: geht mich nix an” zurückziehen und weiterhin die Frauen, die zu uns finden, herzlich begrüssen.
Ohne sich von irgendwelchen Schreiberlingen vor sich hertreiben zu lassen.
Das Thema gehört zurück in die Mottenkiste.
Weniger Aktivität ist hier m.E. mehr – zumindest für die nächsten 2 Jahre.
hase
[...] Liebe Presse Genderdebatte zum X-ten [...]
Ich bin nicht in eurer Partei, weil ich nicht erzogen wurde, politisch zu denken oder auch nur Interesse an Politik zu haben. Weder meine Eltern noch meine peer group in und außerhalb der Schule war politisch interessiert/engagiert, oder wenn dann jedenfalls soweit weg von meinen eigenen Wertevorstellungen, dass es mich nicht interessiert hat.
Ich sympathisiere mit vielen eurer Ziele (soweit ich sie kenne) und habe erst mit 20 an der Uni angefangen, überhaupt über irgendwie politisch angehauchte Dinge nachzudenken. Verantwortlich dafür ist mein Umzug von einem Dorf im Westen in eine Großstadt im Osten, wo ich zum ersten Mal anhand einiger Ansichten von neuen Freunden und Bekannten wirklich erfahren habe, dass verschiedene politische Systeme unterschiedliche Erfahrungen generieren.
Außerdem habe ich zur selben Zeit im Internet ein Hobby entdeckt, dass in seinen Tiefenstrukturen sehr politisch ist, auch wenn man das nicht sofort merkt wenn man anfängt (oder überhaupt merken muss, wenn man nicht will). Ich arbeite dort als ehrenamtliche Übersetzerin für eine internationale Organisation mit Zentrum in Amerika, und habe in diesem Zusammenhang angefangen, mich ein bisschen dafür zu interessieren, wie so eine Organisation funktioniert bzw. was man tun kann, damit sie besser funktioniert.
Besagte Organisation ist größtenteils von Frauen aufgebaut worden und wird immer noch rein von Frauen geführt. So weit ich weiß sind gut 90% aller Mitarbeiter Mitarbeiterinnen und es ist das erste Mal, dass ich tatsächlich das Gefühl habe, meine Meinung wird geschätzt und ich könnte etwas verändern wenn ich wollte. Das Gefühl hatte ich bis jetzt bei keiner anderen Partei oder Organisation – nicht dass viele versucht hätten, mich zu rekrutieren.
Was die Organisation gemacht ist, mich dort abzuholen wo ich war: bei meiner Leidenschaft für mein Hobby, und mir dann zu zeigen, dass ich durch mein Engagement eventuell dafür sorgen könnte, dass die Bedingungen für mein Hobby besser werden.
Keine Ahnung, ob euch das hilft, aber es ist wenigstens ehrlich.
@sevil Frage mich gerade ob du von OTW sprichst.
Hier meine gewagte Theorie, warum Frauen seltener aktiv Politik machen: Frauen haben es nicht nötig, sie kommen bei Männern auch ohne sowas gut an. Männer dagegen haben in ihrem Leben kaum eine andere Möglichkeit, als sich um sozialen Status zu bemühen, sonst haben sie vor allem bei Frauen völlig verloren.
Mit den diversen vorgeschlagenen durchaus sinnvollen Maßnahmen werden wir vielleicht 30% Frauenanteil erreichen, mehr nicht. Die Grünen haben nur deshalb einen noch ein kleines bisschen höheren Frauenanteil, weil eines ihrer Grundthemen fast nur Frauen anspricht.
Ich
- bin Mitglied der Piratenpartei
- habe (derzeit) kein Interesse an einem Parteiamt
- habe (derzeit) kein Interesse für eine Wahl zu kandidieren
- engagiere mich trotzdem innerhalb der Partei
Was unterscheidet mich von den Frauen in der Piratenpartei? Ich habe nur ein X-Chromosom. Sonst nichts?
Unsere BRD-Bevölkerung hat ca. 51% Frauen, die Grünen haben ca. 37% Frauenanteil unter den Mitgliedern. Warum schaffen die keinen höheren Frauenanteil?
[...] Mathematik im vertrauen gesagt auch nichts verstanden. Wie dem auch sei, in ihrem blog kommentiert Lena R. unterdessen das ‘gender-Problem’ der Piratenpartei unter zweierlei Gesichtspunkten, [...]
@Susanna: Ja, tut sie :)
Habe hier mal was zum Zusammenhang geschrieben.
Skud hat ja die schöne Behauptung aufgestellt, dass das von der OTW gestellte Eigene Archiv das größte weiblich dominierte OS-Projekt überhaupt ist (bzw. zusammen mit Dreamwidth.) Das ist sogesehen schon verdammt politisch.
[...] das zusammenzutragen. Warum wir einen höheren Frauenanteil für notwendig halten, haben ich und Arte Povera ausführlich begründet. Den Bereich der Sozialisation hat Arte Povera schon so gut erläutert, [...]
@sevil, @lian:
Habe ja selbst ein paar ffs bei AAO untergestellt, und einen Account bei Dreamwidth habe ich auch. Allerdings sehe ich OTW auch kritisch, und würde es nicht zum Zentrum meiner politischen Aktivitäten machen.
@Susanna: ja, man muss die Organisation als solche nicht gut finden. Was ich meine ist aber, dass sie durch diese, hm, emanzipative Richtung (“wir bauen uns unsere Werkzeuge selbst”) inhärent politisch ist (und eben nicht nur in dem Sinne, dass sie Lobbyarbeit in Richtung Urheberrecht betreibt). Ich finde das bemerkenswert (und gut.)
Ja, das ist auf jeden Fall gut. Wenn kein Mann beim Projekt dabei ist (weil nur wenige Männer die Art Geschichten mögen, dies als fanfiction in die Welt gesetzt werden), dann kriegen Frauen das auch selbst hin.
[...] http://www.wider-die-windmuehlen.de/2011/06/3-piraten-missverstandnisse-zur-frauenquote/ und http://www.wider-die-windmuehlen.de/2011/09/genderdebatte-zum-x-ten-oder-3-arten-von-chancengleichhe… von @mueslikind http://mueslikind.de/?p=151und und von [...]
[...] http://www.wider-die-windmuehlen.de/2011/09/genderdebatte-zum-x-ten-oder-3-arten-von-chancengleichhe... [...]
echt super artikel, rrräspäkt!! und dankeschön:]