9. November 2010
In den vergangenen Wochen sind innerhalb der Piratenpartei mehrere Texte diskutiert und für den Bundesparteitag eingereicht worden, die sich mit dem Menschenbild und den Grundwerten der PIRATEN auseinandersetzen. Wir möchten euch davon abraten, einen dieser Anträge anzunehmen. Das fällt uns durchaus schwer, denn wir respektieren die enorme Arbeit, die in jedem dieser Anträge steckt und möchten sie nicht kleinreden. Trotzdem sehen wir bei den vorliegenden Anträgen grundlegende Schwierigkeiten. Im Folgenden werden wir einige dieser erläutern, um unsere Empfehlung zu begründen. Dabei setzen wir uns exemplarisch mit Pavels Antrag auseinander, da dieser in LiquidFeedback angenommen wurde und in Chemnitz vermutlich die größten Chancen haben wird.
Folgene Anträge sind uns bekannt:
Allgemeines Problem
Die Fragen, was eigentlich der Mensch sei, was ihn auszeichne und was dies für die Frage bedeute, wie man mit ihm umzugehen habe, werden seit etwa dreitausend Jahren beackert. Seit "Der Mensch ist ein zweibeinig Geschöpf ohne Federn, mit platten Nägeln und des Staatslebens fähig" (ein Gemeinschaftswerk von Platon und Sextus Empiricus) sind die Antworten zwar ein wenig ausgefeilter geworden. Trotzdem ist die Philosophie weit von einem Konsens entfernt. Das liegt nicht etwa daran, dass die Philosophen einfach alle zu doof wären. Diese Fragen als verdammt kompliziert zu bezeichnen, ist noch untertrieben. Antworten, die auf den ersten Blick einsichtig und attraktiv klingen, sind meist sehr viel kontroverser als gedacht. Daher konkurriert eine Vielzahl teils sehr intelligenter, ausgearbeiteter und argumentativ gestützter Entwürfe miteinander. Keiner hat sich bislang als immun gegen Einwände und Konkurrenz erwiesen. Wir möchten daher zur Vorsicht aufrufen: Was in dreitausend Jahren nicht beantwortet wurde, werden auch wir nicht mal eben in ein paar Wochen und auf ein paar Seiten beantworten.
Nun sind wir uns bewusst, dass ein Parteiprogramm keine wissenschaftliche Arbeit ist und anderen Ansprüchen genügen soll. Das bedeutet für uns aber zugleich, dass an Fragen, die einer wissenschaftlichen Auseinandersetzung bedürfen, nur mit sehr großer Vorsicht in einem Programmtext herangegangen werden sollte. Das betrifft vor allem die teils zahlreichen Begründungszusammenhänge, die in den derzeit diskutierten Texten auftauchen. Viele von ihnen sind in der akademischen Philosophie sehr umstritten und/oder haben Konsequenzen, von denen wir annehmen, dass eine Mehrheit der Piraten (und vermutlich selbst der Textautor/die Textautorin) sie nicht wünscht. Zudem werden zentrale Begriffe der Texte (beispielsweise "Freiheit", "Würde", "Gerechtigkeit") nicht einheitlich benutzt, was jedoch (sicher unabsichtlich) dadurch versteckt wird, dass die Begriffe nur sehr knapp oder gar nicht definiert werden. Diese in ihrer Bedeutung oft eigentlich unterschiedlichen Verwendungsweisen halten durch ihren oberflächlich gleichen Klang dann ein Sammelsurium von Versatzstücken sehr unterschiedlicher philosophischer Schulen zusammen, die selten miteinander kompatibel sind.
Dieser Zustand bringt zwei Probleme mit sich: Erstens mangelt es den Aussagen an Kohärenz. Zweitens besteht die Gefahr, dass die Aussagen insgesamt inkonsistent werden. Das führt dazu, dass die Texte ihr Ziel verfehlen: Es lassen sich keine (oder schlimmer noch: beliebige) politischen Ziele aus ihnen ableiten, da sie begrifflich teils zu vage, teils zu widersprüchlich sind.
Unsere Diagnose möchten wir im Folgenden an einigen ausgewählten Beispielen verdeutlichen. Wir beschränken uns exemplarisch auf einige Aspekte, da unser Beitrag ohnehin schon viel zu lang geworden ist. Wir bitten daher jeden, die Kritik, die wir an einzelnen Sätzen oder Abschnitten vorbringen, selbst auf andere Antragstexte und Abschnitte zu übertragen: Die hier vorgebrachte Kritik trifft – in stärkerer oder geringerer Ausprägung - auch auf die anderen (und unter Umständen auch zukünftige) Antragstexte zu.
Konzepte werden ohne Kenntnisnahme von Alternativen übernommen.
Auch heute noch werden eine Reihe philosophischer Konzepte parallel zu einander verfochten; alle haben eine lange Geschichte von Korrekturen und Verfeinerungen hinter sich. Die meisten dieser Konzepte sind nicht miteinander vereinbar und keines ist unangefochten. Diejenigen, die bis heute überlebt haben, haben alle eine enorme Anfangsplausibilität – sonst wären sie gar nicht soweit gekommen – ihre Schwachpunkte erkennt man erst nach eingehender Auseinandersetzung mit ihnen und ihren Konkurrenzkonzepten. Kein Konzept sollte ohne umfassende Detailanalyse übernommen werden.
Autonomie etwa wird in allen eingangs genannten Anträgen in der einen oder anderen Form behandelt, bei Pavel zum Beispiel als Fähigkeit, sein Wesen und Wollen selbst zu bestimmen. Hier gibt es einen Überblick darüber, wie Autonomie sonst im Kontext von Moralphilosophie und politischer Philosophie verwendet werden kann: Autonomy in Moral and Political Philosophy (Stanford Encyclopedia of Philosophy).
"Die Würde des Menschen gründet sich in seiner Fähigkeit, sein Wesen und Wollen selbst zu bestimmen." Pavel
Bei dieser These, dem ersten Satz aus Pavels Text, handelt es sich um eine klassische kantianische Würdekonzeption. Sie nutzt gleich vier Begriffe, die vermutlich für fast jeden Leser etwas anderes bedeuten und im weiteren Text auch nicht erläutert werden: "Würde", "Wesen", "Wollen" und "selbst bestimmen". Obwohl kantianische Würdekonzeptionen sich insbesondere im deutschsprachigen Raum großer Beliebtheit erfreuen, sind sie keinesfalls ohne Konkurrenz.
Andere gründen Würde unter anderem darin, dass
- Menschen Geschöpfe Gottes seien
- Menschen eine Seele hätten
- Menschen gegen das Absurde revoltierten
- Menschen Schmerzen empfinden (können)
- Menschen Gefühle haben (können)
- Menschen widersprüchliche Wesen seien (These aus Julias und Korbinians Antrag)
Können wir begründet behaupten, dass alle diese Konzepte falsch seien? Wenn nicht, wie können wir dann Piraten, die eines dieser Konzepte in ihr Menschenbild integriert haben, im Grundsatzprogramm auf etwas anderes verpflichten? Können wir ihnen wirklich schlüssig den Zusammenhang zwischen Würde und Selbstbestimmung des "Wesens und Wollens" erläutern, um sie zu überzeugen? Wieso sollten gerade diese Fähigkeiten Würde konstituieren? Und worin bestehen diese Fähigkeiten überhaupt: Was bedeutet es eigentlich genau, sein Wesen und Wollen selbst zu bestimmen?
Wozu überhaupt im Grundsatzprogramm darüber nachdenken, woher die Würde kommt? Am Ende sind sich alle einig, dass alle Menschen gleich an Würde sein sollen. Halten wir doch einfach genau das fest. Damit ist zwar wenig Spannendes oder gar Neues gesagt, aber immerhin sind wir uns einig, verstehen einigermaßen, was wir meinen, und müssen uns nicht mit Folgendem herumschlagen:
Ungewollte Konsequenzen
Ungewollte Konsequenzen werden häufig erst dann sichtbar, wenn man sich Thesen genauer ansieht und zu verstehen versucht, was sie im Detail besagen sollen. Wir sollten uns im Grundsatzprogramm keinesfalls auf Thesen festlegen, die zu politischen Konsequenzen führen, die wir nicht vertreten wollen. Dies könnte in Chemnitz durchaus passieren.
Schaut man sich die kantianische Würdekonzeption von Pavel noch einmal genauer an, sollte man sich die Frage stellen, ob tatsächlich alle Menschen über die Fähigkeit verfügen, ihr "Wesen und Wollen selbst zu bestimmen". Wer das Konzept verstanden hat, sollte zumindest grob in der Lage sein, sagen zu können, wann man über diese Fähigkeit verfügt. (Ein Locus Classicus zur Willensselbstbestimmung ist Harry Frankfurts Freedom of the Will and the Concept of a Person. Auch das ist aber nicht ohne Probleme und Konkurrenz, wie hier zu sehen ist.) Wie sieht es etwa mit Komapatienten aus, mit geistig Behinderten, Dementen oder Babys – können sie alle ihr Wesen und Wollen selbst bestimmen?
Lautet die Antwort "Ja, alle" fällt es uns wirklich schwer, noch zu verstehen, was es heißen soll, sein Wesen und Wollen selbst zu bestimmen.
Lautet die Antwort aber "Nein – einige nicht", fragt man sich: Worin gründet sich dann die Würde von Komapatienten oder Babys, oder haben sie etwa keine?
Vertreter kantianischer Würdekonzeptionen haben als Antwort auf diese Frage versucht, wenigstens Babys und Kleinkinder über sogenannte "Potentialitätsargumente" zurück ins Boot zu holen: Sie hätten, so die These, ja das Potential, zu Wesen zu werden, die über die geforderte Selbstbestimmung verfügten. Diese Argumente haben mindestens drei Schwachstellen: Erstens bleibt unklar, weshalb bereits das Potential reichen sollte, zweitens lassen sie sich nicht auf geistig Behinderte oder Demente anwenden, die weiterhin würdelos im Regen stehen gelassen werden. Drittens muss, wer Potentialitätsargumente anerkennt, zum radikalen Abtreibungsgegner werden: Auch ein frisch gezeugter Embryo hat demnach eine unantastbare Menschenwürde, denn auch er verfügt über das beschriebene Potential.
Mit der kantianischen Würdekonzeption gerät man also verdammt schnell in das Dilemma, entweder einigen Menschen die Würde abzusprechen oder Abtreibungsgegner zu werden (und immer noch einige Menschen die Würde abzusprechen, aber immerhin weniger). Beides ist unserem Empfinden nach keine Option für die Piraten.
Wir können euch leider keinen Alternativvorschlag machen: Auch andere Würdekonzeptionen bringen ihre eigenen Probleme mit sich. Für uns folgt daraus, dass die Piraten tunlichst vermeiden sollten, überhaupt irgendwelche Bedingungen für Würde anzugeben.
Ein weiteres Beispiel für ungewollte Konsequenzen stellt dieser auf den ersten Blick attraktive Satz aus Pavels Text dar:
"Jeder Mensch hat ein Eigentumsrecht an den Früchten seiner Arbeit und den Gütern, die er durch gerechte Vereinbarung erworben hat. Dabei hat er jedoch den Beitrag der Gemeinschaft oder anderer Menschen angemessen zu würdigen, den sie für ihn zum Erwerb und Erhalt seines Eigentums leisten." Pavel
Dieser Satz widerspricht Kernthesen der Piratenpolitik: Wir sagen gewöhnlich, dass geistiges Eigentum ein Kampfbegriff sei, und verwenden ihn daher nicht bzw. kritisieren ihn als solchen. Da ein Song aber die Frucht der Arbeit der Sängerin ist, hätte sie dieser These zufolge ein Eigentumsrecht an ihm. Wir legen uns hier also darauf fest, dass es geistiges Eigentum gibt – obwohl bei immateriellen Gütern keine Knappheit herrscht.
Weil aller guten Dinge drei sind, noch ein letztes Beispiel. Auch dieser Satz klingt beim ersten Lesen sehr angenehm:
"Jeder Mensch hat grundsätzlich das Recht auf gleiche Lebens- und Entwicklungschancen." Pavel
Wer diese egalitaristische These befürwortet, muss allerdings auch sog. "levelling down" befürworten: Er muss grundsätzlich bereit sein, Menschen Chancen aktiv zu verbauen, wenn andere diese nicht haben und er sie letzteren beim besten Willen nicht eröffnen kann. Gleiche Lebens- und Entwicklungschancen kann er nur so gewährleisten. Das führt zwar tatsächlich zu mehr Gleichheit – ist aber sicher mindestens kontrovers, denn am Ende geht es zwar einigen schlechter, aber niemandem besser.
Thesen, die zu unklar sind, um als Grundlagentext für Piratenpolitik geeignet zu sein
Ein Grundsatzprogrammtext zu Menschenbild und Grundwerten der Piraten wäre die Grundlage unserer politischen Forderungen und Ziele. Er muss daher verständlich und eindeutig genug sein, uns erstens zu ermöglichen, konkrete Positionen aus ihm abzuleiten, und zweitens vorhandene Positionen mit Rückbezug auf ihn zu begründen. Ein Text, der hierfür keine Hilfe bietet, erfüllt seine Orientierungsfunktion nicht. Im schlimmsten Fall verwirrt er sogar.
"Wer durch die Natur oder das Schicksal in Not gerät, der hat Anspruch auf besondere Hilfe der Gemeinschaft. Das gilt auch, wenn der einzelne im Rahmen der Entfaltung seiner Persönlichkeit besondere Risiken eingeht. Wer bewusst extreme Risiken eingeht hat nur dann Anspruch auf Solidarität, wenn er sich zuvor der Unterstützung der Gemeinschaft versichert hat."Pavel
Um das Problem mit diesem Absatz zu sehen, könnt ihr euch folgende Frage stellen: Was bedeutet das für eine Piratenposition zu Hartz IV? Wir konnten diese Testfrage nicht beantworten und vermuten zudem, dass vorhandene Antworten sich stark unterscheiden würden. Wer also eine Antwort auf die Frage hat, frage sich bitte gleich im Anschluss, ob auch jeder andere Pirat anhand obigen Satzes zu einem ähnlichen Ergebnis gekommen wäre.
Ein verwandter Fall ist diese These:
"Freiheit in all ihren Dimensionen ist die Grundlage jeder gerechten Gesellschaftsordnung."
Vermutlich beinhaltet "Freiheit in all ihren Dimensionen" nicht die Freiheit des Sadisten, sein Opfer zu quälen. Sofern dies allerdings ausgeschlossen ist, wissen wir nicht, was "Freiheit in all ihren Dimensionen" bedeuten soll – zumal einige Dimensionen von Freiheit mit anderen klar inkompatibel sind.
Themen, die komplexer sind, als sie auf den ersten Blick scheinen, oder: The Trouble With Pro Tanto
Eine in den Texten wiederholt auftretende Schwierigkeit besteht darin, dass Prinzipien niedergeschrieben werden, die – wenn überhaupt – nur pro tanto gelten. Dass etwas nur "pro tanto" (in der Literatur manchmal auch "prima facie" genannt) gilt, bedeutet, dass es erst noch gegen andere Prinzipien abgewogen werden muss, bevor ein sogenanntes "all things considered", also "alles bedacht" Urteil gefällt werden kann. In der Realität kommen in fast allen Situationen mehrere pro tanto Prinzipien (oder "praktische Gründe") zusammen, die gegeneinander abgewogen werden müssen: Das ist normalerweise auch die wirkliche Schwierigkeit dabei.
Obwohl es auch durchaus interessant sein kann, sich einzelne pro tanto geltende Prinzipien anzuschauen, sollten wir uns in Acht davor nehmen, nur eines von mehreren für eine Frage relevanten beitragenden Prinzipien in einem Grundlagentext zu erwähnen und die anderen einfach unter den Tisch fallen zu lassen:
Pro tanto Prinzipien sind uns aus dem Grundgesetz bekannt. Die Artikel 1–19 werden im Konfliktfall gegeneinander abgewogen. Man stelle sich nun vor, Artikel 5 (Die Meinungs- und Informationsfreiheit) würde fehlen. An der Zustimmungswürdigkeit der anderen Artikel, betrachtet man sie einzeln, ändert das nichts, trotzdem wäre die Gesamtheit der Artikel 1–19 ohne 5 keine gute politische Grundlage und abzulehnen. Ebenso wäre Artikel 5 alleine keine ausreichende Grundlage.
"Wer mehr für die Gemeinschaft leistet, dem steht auch mehr zu."Pavel
Hier handelt es sich (möglicherweise – selbst das ist sehr umstritten) um ein pro tanto Prinzip, das zu beachten ist, wenn wir über Verteilungsgerechtigkeit nachdenken. Leider ist damit noch längst nicht alles gesagt. Hier ein paar Fragen zur Einstimmung: Was ist mit Menschen, die mehr oder weniger geleistet haben, weil sie mehr oder weniger leisten konnten: Kann man denn immer etwas dafür, wie leistungsfähig man ist, ob man z.B. einfach schwach oder etwas dumm ist und deshalb wenig leistet? Was ist mit Menschen, die zwar wenig leisten und sogar mehr leisten könnten, aber einen überdurchschnittlich hohen Bedarf an Gütern haben? Was ist mit Menschen, die weniger für die Gemeinschaft leisten als andere, aber dafür mehr arbeiten müssen als solche, die mehr leisten, aber dafür weniger arbeiten müssen? – Ganz gleich, wie man diese Fragen beantwortet, sie weisen darauf hin, dass weitere pro tanto Prinizipien genannt werden sollten.
Die tatsächlich harte Arbeit für denjenigen, der eine gerechte Sozialpolitik machen möchte, fängt hier also gerade erst an. Verteilungsgerechtigkeit ist eines dieser seit 3000 Jahren behandelten philosophischen Themen. Wer sich für dafür interessiert, findet in der Stanford Encyclopedia of Philosophy einen tollen Überblick über die Debatte.
In der politischen und philosophischen Debatte sind nahezu alle Teilnehmer der Meinung, dass "hat mehr geleistet" nur einer unter mehreren Faktoren sein darf. Nennen wir Piraten nun nur diesen Faktor, so klingen wir erstens nach FDP (auch diese betont immer isoliert diesen Aspekt), zweitens helfen wir Piraten, die Sozialpolitik machen wollen, nur wenig: Sie müssen selbst erst noch alle anderen pro tanto Prinzipien finden und dann die Frage klären, wie sich ihr jeweiliges Gewicht zueinander verhält.
Weitere Beispiele für Prinzipien aus Pavels Text, die – wenn überhaupt – nur pro tanto gelten, sind z.B. "gerechte Vereinbarungen und Regeln sind einzuhalten" und "Kein Mensch hat das Recht, der Umwelt mehr zu entnehmen oder zu verbrauchen, als nachwächst oder durch seine Hinterlassenschaft ersetzt werden kann".
Die Arbeit mit pro tanto Prinzipien wird erst produktiv, wenn man 1) alle für einen Themenbereich relevanten Prinzipien nennt, denen man folgen möchte, und 2) wenigstens grob festlegt, welchen man im Streitfall Vorrang gewährt.
Äquivokation – wenn man dasselbe Wort in verschiedener Bedeutung verwendet
In argumentativen Texten, aber auch in Programmtexten ist es unerlässlich, verwendete Begriffe den ganzen Text hindurch gleich zu verwenden. Leider passiert es sehr leicht – häufig auch vom Autor unbemerkt – dass einzelne Begriffe an verschiedenen Stellen auch verschieden benutzt werden. Auf diese Weise wird unbemerkt das Thema gewechselt. Das ist unter anderem deshalb äußerst problematisch, weil es zu Fehlschlüssen verleitet:
- 1) Schlüssel haben einen Bart.
- 2) Was einen Bart hat, kann man rasieren.
- 3) Fehlschluss: Schlüssel kann man rasieren.
Der Bedeutungswechsel von "Bart" zwischen den Prämissen 1) und 2) führt zum Fehlschluss in 3). Da die Sätze in unserem Grundsatzprogramm in Zukunft aber eben genau als Prämissen für Argumente dienen werden (das gilt auch, wenn sie nicht derart formalisiert sind), gilt es Mehrdeutigkeiten der obigen Art unbedingt zu vermeiden.
(vgl. Wikipedia: Homonym und Fehlschluss#Echte_Homonymie)
Unseren Punkt wollen wir am Begriff "frei" exemplarisch verdeutlichen. "Frei" taucht häufig in grundsätzlich verschiedenen Bedeutungen auf, wie etwa im Folgenden bei Pavel in Kombination mit dem Begriff "Verantwortung".
"Nur der freie Mensch kann das Gesetz achten, und nur wer frei ist, kann Verantwortung tragen."Pavel
Zunächst hat "Verantwortung" mindestens drei verschiedene Bedeutungen:
- a) ich kann die Zuständigkeit für etwas übernehmen und in diesem Sinne Verantwortung tragen,
- b) ich kann für etwas zu Rechenschaft gezogen werden und in dem Sinne verantwortlich sein,
- c) ich habe etwas verursacht und bin Schuld an dem Ergebnis.
Mit a) stimmt Pavels These nicht und mit b) und c) wird behauptet, dass Unterdrückte, Sklaven und Gefangene für ihre Handlungen nicht verantwortlich gemacht werden können bzw. nichts schuldhaft verursachen können.
Interpretationen b) und c) könnte man durchaus zustimmen, wenn man "frei" auf "willensfrei" konkretisiert. Diese Verwendung von "frei" passt jedoch mit den Verwendungen im darauf folgenden Antragstext nicht zusammen:
"Gerechte Vereinbarungen sind nur unter [willens?]Freien möglich.
Wir Piraten wollen eine Gesellschaft, die Vertrauen in den Einzelnen setzt und ihm seine [willens?]Freiheit lässt, damit er in Verantwortung für sich und die Gemeinschaft leben kann.
Wir treten allen Bestrebungen entgegen, die [willens?]Freiheit des Einzelnen einzuschränken, wenn bei der Abwägung gegen andere Grundrechte oder die [willens?]Freiheit anderer der geringste Zweifel an der Notwendigkeit dieser Einschränkungen besteht."Pavel
Der Begriff "frei" bzw. "Freiheit" wird in den einzelnen Sätzen offenbar in unterschiedlicher Bedeutung genutzt. Eine Möglichkeit, diesen Unterschied explizit zu machen, wäre von Willensfreiheit einerseits und Handlungsfreiheit andererseits zu reden. Damit bricht man aber die Einheit des Absatzes auf und insbesondere der Zusammenhang zwischen Handlungsfreiheit und Verantwortung geht verloren. Um beides wiederherzustellen, müsste der Zusammenhang zwischen Willens- und Handlungsfreiheit erklärt werden.
(vgl. Wikipedia: Willensfreiheit und Handlungsfreiheit)
Es ist natürlich niemand darauf festgelegt, die Unterscheidung zwischen Handlungs- und Willensfreiheit so aufzufassen, wie wir es hier getan haben. Was aber klar sein sollte ist, dass es mehr als eine Bedeutung von "frei" gibt und deren Unterscheidung für die oben vorgebrachten Thesen wichtig ist. Wie man sie nun begrifflich verarbeitet, ist jedem selbst überlassen, sie sollte aber in keinem Fall verwischt werden.
Hier findet man einen Aufsatz von Shelly Kagan, der sich mit verschiedenen Freiheitsbegriffen und der Frage nach der Maximierung der Freiheit in einer Gesellschaft auseinandersetzt.
Vermengen von verschiedenen philosophischen Ideen – Was gut ist, wird kopiert
In der Regel kann man sich in der Philosophie nicht die Rosinen aus dem Teig picken. Jede Theorie hat ihre Vorzüge und ihre Nachteile. Das eine lässt sich nicht ohne das andere haben. Versucht man einzelne Prinzipien aus den Theorien herauszulösen, um nur die Vorteile abzugreifen, gerät man oft in Widersprüche oder die Prinzipien erfüllen ihre Orientierungsfunktion nicht mehr in derselben Weise wie im ursprünglichen Zusammenhang.
Außerdem werden Äquivokationen begünstig, wenn Thesen verschiedener Autoren in einem Text zusammenkommen, da verschiedene Autoren Begriffe auch durchaus verschieden verwenden.
In diesem Abschnitt kommen einige der oben bereits genannten Schwierigkeiten zusammen. In Pavels Antrag finden sich zwei Prinzipien, die zusammengenommen zu einer bestimmten Position führen:
Prämisse 1: "Eine Regel oder Vereinbarung ist dann gerecht, wenn sie durch freie Übereinkunft der Beteiligten zustande kommt."
Pavel
+
Prämisse 2: "Jeder Mensch hat ein Eigentumsrecht an [...] den Gütern, die er durch gerechte Vereinbarung erworben hat [...]" Pavel
Konklusion: ( Aneignungs- und) Transferprinzip von Robert Nozick
Nozick entwickelt in "Anarchy, State and Utopia" eine Theorie prozeduraler Gerechtigkeit. Im Gegensatz zur Ergebnisgerechtigkeit bestimmt sich prozedurale Gerechtigkeit nicht über die Endverteilung, sondern über den Prozess dorthin. Wenn man, was sehr naheliegend ist, "frei" in Pavels These als "freiwillig" liest, so lässt sich Nozicks Prinzip über gerechten Transfer ableiten: "[T]he principle that a transfer of holdings is just if and only if it is voluntary." (Feser) Die Konsequenzen dieser These legen Nozick darauf fest, dass jede Art der Umverteilung ungerecht sei und die einzige Aufgabe des Staates (über den Minimalstaat hinaus) sei, Eigentum(srechte) zu schützen. Mit dieser Interpretation der These würden wir uns nicht, wie Pavel in seiner Begründung schreibt, im linksliberalen Spektrum positionieren, sondern im rechts(rechtsrechts)liberalen.
Die Nozick-Lesart von Pavels These ist inkompatibel mit dem (aus der Ergebnisgerechtigkeitsdebatte entnommenen) pro tanto Prinzip, das an anderer Stelle des Antrags fordert, dass, wer mehr leiste, auch mehr bekommen müsse. Über das oben diskutierte Transferprinzip heißt es stattdessen bei Feser: "[I]t has nothing to do with fitting any pattern guaranteeing that those who worked the hardest or are most deserving have the most shares. What matters is only that people get what they have in a manner consistent with the three principles of justice in holdings, and this is fully compatible with some people having much more than others, unlucky hard workers having less than lazier but luckier ones, morally repulsive individuals having higher incomes than saints, and so forth." Ebenso besteht ein Widerspruch zur These, dass "wer durch die Natur oder das Schicksal in Not gerät, [...] Anspruch auf besondere Hilfe der Gemeinschaft [hat]". Weiterhin ist äußerst unklar, wie der ambitioniert egalitäre Anspruch der Chancengleichheit, der anderswo in Pavels Text auftaucht und oben bereits aus anderen Gründen problematisiert wurde, mit einer derart extrem wirtschaftslibertären Politik je erreicht werden könnte: Diese prozedurale Gerechtigkeitsthese ist quasi das Gegenteil von Egalitarismus (das sieht Nozick übrigens genauso). Es gibt noch mehr solcher Fälle, kurz: Hier passt einiges nicht zusammen. Das kann man natürlich als Anlass nehmen, die Nozick-Lesart der These zu verwerfen. Wie könnte sie also sonst gemeint sein?
Lässt sich Pavels These partout nicht auf eine Weise verstehen, die dieses Dilemma vermeidet? Doch, wenn man einige Änderungen vornimmt und den Begriff "frei" anders versteht. Falls das möglich ist, zeigt sich allerdings wieder das Problem, dass der Antrag zu unterschiedliche Interpretationen erlaubt, um als Grundlagentext geeignet zu sein. Während Rhotep die These sofort als Nozickthese las, konnte Arte Povera sich das angesichts des Kontextes nicht vorstellen und interpretierte sie als Rawls-Verschnitt. Um sie derart zu lesen, müssen allerdings einige Änderungen vorgenommen werden:
"Eine Regel oder Vereinbarung ist dann gerecht, wenn sie durch freie Übereinkunft der Beteiligten zustande kommt."
Pavel
"Beteiligte" müsste hier durch "Betroffene" ersetzt werden. Andernfalls könnte ein Teil der Bevölkerung eine politische Regel beschließen, derzufolge der andere Teil versklavt wird, und sie wäre gerecht – einfach deshalb, weil der andere Teil an der Vereinbarung nicht beteiligt ist. Auch mit dieser Korrektur ist der Satz aber immer noch entweder falsch oder es ist in der wirklichen Welt nahezu keine Regel/Vereinbarung gerecht, weil in der wirklichen Welt nahezu nie alle Betroffenen frei übereinkommen konnten (selten ist eine komplette Volksversammlung mit Konsens möglich). Wenn, müsste es also auch noch hypothetisch formuliert sein: Die Regel ist gerecht, wenn sie durch freie Übereinkunft der Betroffenen zustande kommen würde. Damit sind wir aber immer noch nicht fertig: Jetzt stellt sich die Frage, was mit "frei" gemeint ist. Reicht es, wenn die schlecht ausgebildete und sehr arme Arbeitssuchende "freiwillig" als Putzfrau beim Manager anheuert? Und wenn man da noch "ja" sagt, was ist mit Prostitution aus Armut? Piratenposition soll das wohl kaum sein. Vermutlich soll, wer in einer so verzweifelten Verhandlungsposition ist, gar nicht frei genannt werden. Nahezu die gesamte normative Rechtfertigungslast für die These steckt also in diesen vier Buchstaben und je nach Verständnis ergeben sich radikal unterschiedliche Konsequenzen. Letztlich, um Überlegungen abzukürzen mit denen sich ein Buch füllen ließe, könnte man mit einigen Änderungen und Begriffsdefinitionen bei John Rawls rauskommen, dessen Konzeption in "A Theory of Justice" wie folgt lautet: Gerechte Regeln sind diejenigen, auf die sich Menschen hinter einem sog. "Schleier des Nichtwissens" einigen würden. Schleier des Nichtwissens bedeutet, dass die Menschen nicht wissen, wer sie später sein werden, d.h. z.B. welche Macht, Intelligenz, Interessen etc. sie später haben werden. Mit der ursprünglichen Formulierung der These hat dies aber nicht mehr viel zu tun.
Welche Position die Piraten auch immer zu Verteilungsgerechtigtkeit einnehmen sollten: Unser Menschen- und Gesellschaftsbild sollte keinen Platz für derart stark divergierende Lesarten bieten. (vgl. auch Wikipedia: Robert Nozick und John Rawls oder gleich SEP: Distributive Justice) Möchte man sozialer als Nozick sein und freiheitlicher als Rawls, so steht man vor dem Problem, dass die beiden grundsätzlich inkompatible Ideen vertreten. Zwischen ihnen liegt kein kontinuierliches Spektrum, worin man sich positionieren könnte, indem man den Theorien zusätzliche Prinzipien hinzufügt.
Tags: bpt10, Chemnitz, Grundwerte, Menschenbild, Piraten
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on 9. November 2010 at 17:41 and is filed under Allgemein.
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Danke für diese ausführliche Darstellung. Ich habe eben exakt die gleichen Probleme mit Pavels Antrag. Das war auch ein Grund, warum ich selber einen gestartet habe – in der Alternativsituation in Chemnitz hoffe ich, dass eine Diskussion aber keine Entscheidung entsteht. Es mag zwar paradox klingen, aber mein Antrag wäre wohl besser abgelehnt! Vielmehr wäre es mir lieb, wenn wir eine Menschenbildkommission oder ähnliches einberufen als Konsequenz und systematische eben verschiedene Theorien herausarbeiten und eine Schnittmenge finden.
Ich denke jedoch, dass wir das dringend tun sollten. Ein Menschenbild entwickeln, dass eben den Sozialstaat und Freheitlichkeit und die piratige Version einer offenen Gesellschaft fundiert. Da kommt dann leider der Politologe in mir hoch und prangert an, sich nicht im Elfenbeintrum zu verlieren! ;-)
Was formen die Buchstaben da für eine gräßliche Monstrosität vor meinen entzündeten Augen? “Menschenbildkommission”? Ich glaube, ich muss das Internet rebooten.
Ich bin in der Materie nicht so drin wie ihr, aber für mich klingt das so als ob ihr grundsätzlich ablehnt so etwas Grundlegendes in einem Parteiprogramm zu Formulieren. Die Kritikpunkte sind für mich absolut nachvollziehbar, aber philosophische “Beweisbarkeit” ist für mich kein Kriterium so einen Text grundsätzlich abzulehnen – wir sind ja Politiker und somit nicht auf der Suche nach der “Wahrheit”. Mir ist vor allem wichtig wie wir Piraten das sehen. Ein Parteiprogramm ist ja kein Grundgesetz. Einige dieser Widersprüche die ihr an Pavels Text kritisiert sind so glaube ich in unserem Gegenvorschlag nicht zu finden, dafür aber vermutlich viele andere. Ich werde mich in Chemnitz deswegen bei allen Antragsvorschlägen enthalten mit der Hoffnung zb in Zusammenarbeit mit euch eine Alternative für einen zukünftigen Parteitag zu erarbeiten. Danke für die tolle Analyse! Regt mich definitiv zum denken an :)
Ein ganz schöner Augenöffner. Ich hätte nicht gedacht, was für Potential (in jede Richtung) in so einem mehrheitsfähigen Antragstext stecken kann.
@korbinian ich bin zwar philosophisch (viel-o-so-fisch) nicht sonderlich bewandert, ich möchte das aber recht praktisch aufgreifen: Einige Piraten haben sich es zum Hobby gemacht, jede noch so kleine Möglichkeit der Fehlinterpretation eines Textes/Vorschlags auf die für die Piratenpartei möglichst schädlichste Art und Weise auszunutzen. Sie halten sich dabei vermutlich für sowas wie political hacker oder ähnliches. Daher können die kleinen und größeren Bomben in so einem Text dann sehr schnell auf jemanden stoßen, der ein mentales Streichholz und Langeweile hat.
Seh ich also schon als ganz schön gefährlich an.
@sleeksorrow
klar, da stimme ich dir zu. die aktuellen anträge sind für mich auch noch nicht gut genug. aber perfektion anzustreben führt in den wahnsinn :)
Vielen Dank zunächst dafür, dass Ihr meinem diffusen Gefühl, Pavels Text nicht einfach zustimmen zu wollen, mit dieser so beredten Argumentation jedenfalls einen Ausdruck verliehen habt.
Leider ist Eure Auseinandersetzung jedenfalls in der Form dieses Blogbeitrags allein auf Pavels Position bezogen, die beiden anderen von Euch als problematisch angesehenen Texte tauchen allenfalls mit einer kleinen Bemerkung auf. Mein Antrag wird von Euch – auch ohne weitere argumentative Erörterung – als in diesem Zusammenhang weniger konfliktbehaftet bezeichnet.
Wenn es gelingt, mit den verschiedenen Anträgen und mit den Überlegungen dieses Beitrags eine Grundlagendebatte anzustoßen, die ja durchaus auch zu dem von Euch intendieren Ergebnis führen kann, dazu keine abschließende Position zu fixieren, dann kann das sicher auch dabei helfen, uns darüber klar zu werden, was eigentlich argumentationsleitend ist, wenn wir aus »Werten« oder »Zielen« abgeleitete politische Positionen festzulegen versuchen.
Jetzt habe ich wieder viel zu umständlich formuliert, was immer Zeichen für noch nicht ausgereifte Gedanken ist. Aber ich hoffe darauf, dass wir die Diskussion in der Partei führen können und werden. Open Mind 10 war ein guter Anfang, das mit noch mehr Tiefgang und weiteren Aspekten zum Thema fortzusetzen, sollten wir uns dringend vornehmen.
Es geht bei Werten darum, Parteigänger in ein Korsett zu zwängen. Warum sollten wir uns das antun, nur weil andere Parteien das auch machen? Diese anderen Parteien sind in Jahrzehnten gewachsen und wir können sie heute dabei beobachten, wie sie sich in Widersprüche zwischen Werten und Zielen und Handlungen verstricken.
Ziele hui, Werte pfui. Ziele können immer wieder neu vereinbart werden und sich mit der Zeit wandeln. Bei Werten gelingt dies nicht, man machte sich bei Revisionen nur angreifbar und unglaubwürdig.
Eine Ableitbarkeit von Zielen aus Werten ist eine Illusion. Wir brauchen Basisdemokratie, um Ziele festzulegen, dann können wir uns den Wertefoo ersparen.
Selbst wenn es Werte geben sollte, die nicht durch eine Textanalyse zu Mus gemacht werden können und auf die wir uns alle einigen könnten: Auch wenn diese nicht schriftlich fixiert würden, fällt deswegen kein Sack Reis um.
Hallo,
ich habe hier mal recht ausführlich auf eure Kritik geantwortet:
http://aggregat7.ath.cx/2010/11/12/kritik-einer-wertepositionskritik
[...] einmal vielen Dank für die ausführliche kritische Auseinandersetzung mit meinem [...]